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Herrscherinnen

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Frau hat's schwer
"Denn ihre Weitsicht in der Herrschaft ist Blindheit; ihre Stärke Schwäche; ihr Rat Torheit; und ihr Urteil Irrrede, wenn man es recht bedenkt." Aus der Feder des schottischen Reformers John Knox fließen 1558 diese Worte. In dem Pamphlet Der erste Trompetenstoß gegen eine entsetzliche Weiberherrschaft wettert der Kirchenmann gegen die Herrschaft von Frauen im Allgemeinen, gegen die englische Königin Mary und gegen Maria Stuart im Speziellen.

Die Argumente Knox' sind altbekannt und kehren über die Jahrhunderte immer wieder: Es sei den Gesetzen Gottes und der Natur zuwider, wenn eine Frau herrsche. Wegen körperlicher und moralischer Schwäche seien Frauen nicht als Anführer geeignet; ihre Wirkungssphäre sei die der Familie, nicht die des Staates.

Erwies sich eine Frau entgegen aller Voraussagen als gute Herrscherin, so erklärten die Gelehrten das damit, dass die Regentin ihre Weiblichkeit gewissermaßen überschreite. "Die 'Vermännlichung'", so erklärt die Historikerin Pauline Puppel die Argumentation, "befähige die Herrscherin, ihrem Geschlecht grundsätzlich unangemessene Tätigkeiten wie Regieren und Rechtsprechung zu vollbringen."

Auch Stefan Zweig, Autor einer angesehenen Maria-Stuart-Biografie, verfällt dieser Denkweise. Der entscheidende Charakterzug der Königin von Schottland, schreibt Zweig, sei "ihr unbändiger, unbeugsamer, männlich harter Stolz", und dafür zollt er ihr Respekt. Hingegen sei Marias Klugheit "oft durch weibliche Launen und Leidenschaften gehemmt" - ihr Frausein habe der Königin das Regieren schwer gemacht und letztendlich ihren Untergang herbeigeführt: Denn "gerade die wichtigsten Entschließungen ihres Lebens kamen", laut Zweig, "aus dieser untersten Quelle ihres Geschlechts".

In krassem Gegensatz zur leidenschaftlichen, fraulichen Maria Stuart sehen manche Historiker Elisabeth: Die englische Königin habe auf das Frausein und auf Leidenschaft verzichtet, ihr Verlangen nach Liebe und ihren Kinderwunsch bezwungen, um allein ihrem Land zu dienen. Böse Zungen treiben die Vermännlichung auf die Spitze, indem sie behaupten, Elisabeth wäre verstümmelt und unfähig zu körperlicher Liebe gewesen.

Der englischen Königin waren die Fallstricke ihres Geschlechts bewusst, sie wusste sie je nach Bedarf einzusetzen. Zwar brachte sie keinen Erben hervor, wie man es von einer Monarchin erwartete; dafür pflegte sie das Image der "jungfräulichen Königin", was ihr viel Respekt einbrachte. Aber sie wusste auch, wann "männliche" Eigenschaften gefragt waren. Als die Spanier 1588 drohten, in England einzufallen, stellte sich Elisabeth mit folgenden Worten an die Spitze ihrer Truppen: "Ich weiß, dass ich zwar den Leib eines schwachen kraftlosen Weibes, dafür aber Herz und Mark eines Königs, noch dazu eines Königs von England habe!"