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Kaiser

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"Was soll mir der Charaktermajor?"
Während des 19. und 20. Jahrhunderts gab es drei Deutsche Kaiser: Wilhelm I. - er lebte von 1797 bis 1888 und trug den Titel ab 1871, Friedrich III. - er ging als 99-Tage-Kaiser in die Geschichte ein, da seine Regierungszeit bis zu seinem unerwarteten Tod aufgrund von Kehlkopfkrebs nur 99 Tage betrug, sowie dessen Sohn Wilhelm II., der von 1888 bis 1918 regierte (Wilhelminische Ära).

Der Titel Deutscher Kaiser war in jeder Hinsicht eine Neuschöpfung und nicht, wie oft vermutet wird, ein Rückgriff auf das Mittelalter: Die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hießen Römische Kaiser. Vor der Kaiserkrönung des Preußischen Königs Wilhelm I. im vom Deutschen Bundesheer besetzten Schloss von Versailles wurde heftig diskutiert, welchen Titel das Oberhaupt des neuen Deutschen Reiches tragen soll.

Immerhin gehörten zum Deutschen Reich neben Preußen auch Länder wie Bayern, das unter einem eigenen König sorgsam gehütete Autonomierechte genoss. Wilhelm I. hätte durchaus zusätzlich zu seinem Königstitel den Titel Präsident von Deutschland akzeptiert, in Frage kam aber nur der Kaisertitel, weil die Könige von Bayern und von Württemberg sich nur dem Träger eines höherrangigen Titels unterordnen konnten.

Wilhelm I. stand der neuen Würde zunächst ablehnend gegenüber und reagierte mit der Bemerkung: "Was soll mir der Charaktermajor?!" Ein Charaktermajor war im preußischen Heer ein verabschiedeter Hauptmann, dem man, ohne höhere Einkünfte, für den Ruhestand den Titel Major verliehen hatte (wegen seines "Charakters").

Als Wilhelm I. sich mit dem Titel Kaiser von Deutschland endlich angefreundet hatte, tauchte eine weitere Schwierigkeit auf: Auch Österreicher empfanden sich damals als Deutsche, ohne nun freilich dem Deutschen Reich anzugehören. So war Deutscher Kaiser der gegebene Kompromiss, um österreichische Empfindlichkeiten nicht zu verletzen - was Wilhelm I. aber nur zögernd einsah. Im Verlauf der Kaiserproklamation umging der badische Großherzog Friedrich I. das Problem übrigens auf besonders geschickte Art: Er brachte ein Hoch auf Kaiser Wilhelm aus.